Dr. Renz (Günter Strack, l.) war der erste Anwalt und 60 Folgen lang an Matulas (Claus Theo Gärtner) Seite. Strack starb 1999 an Herzversagen.United Archives via Getty Images
Trägt das ZDF eine seiner mächtigsten Krimi-Dachmarken zu Grabe, stirbt damit nicht nur eine Sendeplatz-Tradition, sondern es ist das endgültige Aus für ein Fernsehkonzept, das über vier Jahrzehnte auch den Dienstagabend im Schweizer Fernsehen massgebend prägte.
Als Schauspieler Claus Theo Gärtner 1981 in einer Bar, nach zähem guten Zureden, auf einem Bierdeckel seine schriftliche Zustimmung für die Krimiserie gab, war er der festen Überzeugung, dass das Konzept «Anwalt und Privatdetektiv lösen gemeinsam Kriminalfälle» spätestens nach sechs Folgen «durchgenudelt» sein würde.
Eine gewaltige Fehleinschätzung: Aus den vermuteten sechs Folgen wurden für ihn 300 und 32 Jahre Dienstzeit. Sehr viel später gestand Gärtner gegenüber TELE lachend: «Hätte mir damals einer gesagt, dass sich diese Geschichte so in die Länge ziehen würde, hätte ich niemals unterschrieben.»
Gärtners Matula wurde zur Kultfigur: Lederjacke, Zigis, sonore Stimme, Alfa Romeo und eine unerschütterliche Loyalität seinen Mandanten gegenüber machten den Privatdetektiv unverwechselbar. Gärtner trug seine Rolle wie eine zweite Haut. Er war nicht nur das Gesicht der Serie, er verstand sich sogar als «die Mutter der Kompanie». Er fuhr viele der Verfolgungsjagden selbst und steckte bei einem Stunt auch schon mal kopfüber im Hafenschlick fest.
Und als ihn der Produzent wegen der Verletzungsgefahr von seinen geliebten Autorennen abhalten wollte, drohte Gärtner trocken: «Dann fahre ich nur noch Rennen!»
An der Seite von insgesamt vier Anwälten – allen voran das unvergessene Schwergewicht Günter Strack als Dr. Dieter Renz – formte Gärtner als Matula das Bild des deutschen TV-Krimis. Was ZDF-Serienchef Reinhold Elschot einst treffend als die «Mutter aller odd couples» bezeichnet hatte, wurde zur festen Bank: Der Rechtsanwalt im feinen Zwirn vertritt die Mandanten vor Gericht, während Matula in Frankfurts Unterwelt die Knochenarbeit verrichtet und mindestens einmal pro Folge eins über den Schädel gezogen bekommt.
Werbung
Dass der raubeinige Detektiv irgendwann das Rauchen aufgab, war übrigens nicht Gärtners Disziplin geschuldet, sondern einer Intervention der Gesundheitsministerin. «Sie machte mich darauf aufmerksam, dass jedes Mal, wenn ich mir im Film eine anstecke, da draussen mindestens zwei Millionen Zigaretten angehen», erzählte Gärtner und gewöhnte Matula das Rauchen ab. Er selber qualmte munter weiter.
Als Gärtner schliesslich kurz vor seinem 70. Geburtstag beschloss, die Lederjacke an den Haken zu hängen (mit den weisen Worten: «Es gibt noch ein Leben vor dem Tod»), glaubte kaum jemand an ein Weiterbestehen des Formats. Doch das ZDF klammerte sich an die etablierte Marke und suchte händeringend nach einem neuen Namen für die Serie. Doch weil niemandem ein besserer einfiel, blieb es bei «Ein Fall für zwei».
Werbung
Mit Antoine Monot als Anwalt und Wanja Mues als Detektiv übernahm 2014 ein neues Gespann in der Stadt am Main. Das Erbe war gewaltig. Wanja Mues gestand ehrfürchtig, dass ihm Matulas Lederjacke zwar eine Nummer zu gross scheine, er aber seinen eigenen Schnüfflertyp etablieren wolle. Auch Monot, der sich Günter Stracks XXL-Jackett überzog, sagte demütig: «Es ist mir eine Ehre, seine Nachfolge anzutreten.»
Obwohl Monot und Mues eine spürbar gute Chemie auf den Bildschirm zauberten, die Produktion modern inszeniert wurde und man an der Imbissbude nun zeitgemäss Kaffee statt Bier und Currywurst bestellte, blieb die Wehmut der Alt-Fans über Matulas Abgang spürbar.
«Nach 46 Jahren wird der Fall für zwei endgültig gelöst.»
Gärtner selbst tuckerte nach seinem Serien-Aus mit seiner Schweizer Frau im Wohn-Lkw durch die Welt, schnupperte in drei Spielfilm-Specials dann aber doch noch einmal Matula-Luft und hatte als sein Alter Ego sogar einen kurzen Überraschungsauftritt in der Neuauflage.
Werbung
Nach weiteren 13 Jahren zieht das ZDF dem Format jetzt endgültig den Stecker. Dass der Mainzer Sender versöhnlich verlauten lässt, der traditionsreiche Sendeplatz bleibe erhalten, künftig aber mit einer «stärkeren Fokussierung auf wenige Formate», ist dabei wohl einfach eine feinsinnige Metapher für «Wir müssen sparen.»
«Ein Fall für zwei» soll nächstes Jahr mit einer letzten, spielfilmlangen Folge würdevoll verabschiedet werden. Was bleibt, ist die Erinnerung an rauchige und neblige Frankfurter Nächte, Bierflaschen, gekippt und auf dem Kopf zerschlagen, ungleiche Freundschaften und die Gewissheit, dass ein Stück Fernsehgeschichte für immer zu den Akten gelegt wird. Nach sagenhaften 46 Jahren wird der Fall für zwei endgültig gelöst.
Die «Neuen» hielten immerhin 13 Jahre durch: Wanja Mues (r.) als Detektiv und Antoine Monot als Anwalt.ZDF und Daniel Dornhöfer
Die «Neuen» hielten immerhin 13 Jahre durch: Wanja Mues (r.) als Detektiv und Antoine Monot als Anwalt.ZDF und Daniel Dornhöfer