Mutiges Porträt einer Verfolgten

Die Dramaserie «Etty» holt die Holocaust-Aufzeichnungen der jüdischen Niederländerin Etty Hillesum in die Gegenwart.

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Das Arzt-Patientin-Verhältnis gerät ins Wanken: Julia Windischbauer, Sebastian Koch. © Anne Wilk/Mark de Blok/Reiner Bajo

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Wer an Tagebücher aus jener dunklen Zeit denkt, hat sofort das schmale Gesicht von Anne Frank (1929–1945) vor Augen. Doch es gibt ein weiteres Schicksal aus Amsterdam, ähnlich bewegend. Es ist die Geschichte von Etty Hillesum, einer Frau, deren Ausstrahlung und intellektuelle Tiefe ebenso erschütternd wie inspirierend sind.
Während Anne Franks Tagebuch die Perspektive eines Kindes einnahm, zeichnen Hillesums Notizen das Porträt einer jungen, emanzipierten, jüdischen Niederländerin, die inmitten der Ver­nichtungs-Maschinerie zu einer radikalen ­inneren Freiheit fand.
Etty schloss 1939 an der Universität Amsterdam ihr Jurastudium ab und studierte anschliessend Slawistik, solange das unter der deutschen Besatzung noch möglich war. In ihr Tagebuch und in ihren Briefen schrieb sie von ihrer spirituellen Entwicklung unter den Bedingungen von Krieg und Verfolgung durch das NS-Regime.
Der israelische Regisseur Hagai Levi («In Treatment»») hat aus diesem Material einen Sechsteiler geschaffen und greift zu einem gewagten Kniff: Er holt das Geschehen weg von den 1940ern und transportiert es in die Gegenwart.
Beim Auftakt der Serie leidet Etty (Julia Windischbauer) unter Depressionen und sucht Hilfe beim Psycho-Chirologen Julius Spier (Sebastian Koch). Als solcher zieht er aus den Linien der Hand Rückschlüsse auf die Psyche. Während an der Universität Amsterdam die Menschen gegen den erstarkenden Faschismus demonstrieren, versucht Etty noch, sich auf ihre Schriftstellerei zu konzentrieren. Doch die moderne Welt um sie herum wird zusehends feindseliger.
Als ihr geschätzter Professor Van Donker (Bart Klever) Suizid begeht, weil er aufgrund seiner politischen Orientierung entlassen wurde, bricht Ettys Welt zusammen. Sie sucht erneut Hilfe in Spiers Praxis, wo das Arzt-Patientin-Verhältnis zwischen therapeutischer Analyse und einer knisternden Erotik verschwimmt. Und gerade als Spiers Therapie Wirkung zeigt und die junge Frau neuen Lebensmut schöpft, spitzt sich die Lage für die Juden in Amsterdam dramatisch zu. Etty wird der Zugang zur Universität verwehrt.

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Hagai Levi macht aus Ettys Geschichte ein universelles Lehrstück über Widerstand. «Der Himmel ist voller Vögel, die Sonne scheint mir aufs Gesicht, und direkt vor unseren Augen geschieht ein Massenmord», schrieb die historische Etty 1943. Die Serie fängt diesen unbegreiflichen Kontrast in Bildern von schmerzhafter Ästhetik ein.
Wo andere Holocaust-Dramen aber auf graue Töne setzen, arbeitet Levi mit warmen Farben und einer intimen Stimmung. Er zeigt Etty nicht als wehrloses Opfer, sondern als eine Frau, die beschliesst, die Chronistin ihrer Zeit zu werden.
So weit sollte es nicht kommen. Die Serie endet dort, wo die historische Gewissheit übernimmt: Etty Hillesum wurde am 7. September 1943 deportiert. Eine Postkarte, die sie durch eine Ritze im Tor des Güterwaggons ins Freie drückte, zeugte von ungebrochenem Mut. «Wir haben dieses Lager singend verlassen.» Am 30. November 1943 starb Etty Hillesum im KZ Auschwitz-Birkenau. Mit 29 Jahren.

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Die Entscheidung, Hillesums Geschichte in die Gegenwart zu verlegen, erweist sich als Geniestreich. So wird aus «Etty» weit mehr als eine bebilderte Biographie. Hagai Levi gelingt eine psychologische Studie über das Reifen der Seele unter extremen Bedingungen. Ein Sechs­teiler, der zeigt, dass Hoffnung nicht immer banges Warten ist, sondern auch ein resoluter Akt des Widerstands sein kann.

Etty

Arte | Dramaserie
Mit Julia Windischbauer, Sebastian Koch, Leopold Witte
Donnerstag, 21. Mai 2026, 21:40 Uhr; die Folgen 1–3
Donnerstag, 28. Mai 2026, 21:40 Uhr; die Folgen 4–6

Der Trailer

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