Wie wird ein behördlich bekannter Gefährder zum Attentäter und Massenmörder? Die Spurensuche führt zurück in die Zeit vor dem 19. Dezember 2016. An jenem fatalen Tag steuerte der islamistische Terrorist Anis Amri einen Lkw in den Weihnachtsmarkt bei der Berliner Gedächtniskirche, tötete zwölf Menschen und verletzte Dutzende zum Teil schwer.
Das Attentat am Breitscheidplatz zählt zu den verheerendsten Terroranschlägen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Die ARD-Serie setzt 17 Monate davor ein. Der Polizeibeamte Frank Laudin (Albrecht Schuch) schleust den V-Mann Murat Cem (Tamer Trasoglu) in ein salafistisches Netzwerk ein, um dieses zu unterwandern. Cem stösst rasch auf den labilen und gefährlichen Anis Amri (Wael Alkhatib). Doch BKA-Ermittler Heyse (Hanno Koffler) hält Amri für einen «kleinen Fisch».
Als die Anschläge in Paris vom November 2015 den Druck erhöhen, verfängt sich die Aufklärung im Dickicht föderalistischer (Un)zuständigkeiten. Amri verschwindet vom Radar und tritt erst bei seiner Amokfahrt im Dezember 2016 in Berlin wieder auf den Plan.
Beim 6-Teiler «Breitscheidplatz 19/12» handelt es sich nicht um ein voyeuristisches Nachstellen des Terrorakts. Vielmehr wird ein schleichender, behördlich in Kauf genommener Kontrollverlust dokumentiert. Das Autorenteam um Regisseur David Nawrath stützte sich beim Schreiben auf Auswertungen des dreijährigen Bundestags-Untersuchungsausschusses sowie auf vertrauliche Gespräche mit den Ermittlern.
Der Fokus liegt auf ignorierten Warnsignalen und institutionellen Rivalitäten, die dem Attentäter freie Bahn verschafften. Schon der Titel setzt mit der Chiffre «19/12» ganz bewusst ein Äquivalent zum US-amerikanischen «9/11»-Trauma – eine symbolträchtige Verankerung des Anschlags.
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Mit stoischer Intensität spielt Albrecht Schuch den Ermittler Frank Laudin, der sich an den sturen Gesetzmässigkeiten der Bundesländer aufreibt. Um sich auf seine Rolle vorzubereiten, sprach er auch mit LKA-Beamten, für die es zermürbend gewesen sei, dass man eine Zielperson wegen disparater Regelungen in einem anderen Bundesland nicht weiterverfolgen durfte.
Das Zentrum der verdeckten Ermittlungen bildet V-Mann Murat Cem, der heute unter anderem Namen im staatlichen Zeugenschutzprogramm lebt. Für Tamer Trasoglu, der Cem verkörpert, war dieser weder mutig noch ein Held, «sondern ein Mensch, der permanent gegen das Ertrinken ankämpfte». In radikalster Umsetzung des Method-Actings bereitete sich Trasoglu auf seine Rolle vor: Er nahm innerhalb von zehn Wochen 14 Kilo ab und isolierte sich mental. «Ich wollte verstehen, wie sich ein Körper verändert, wenn ein Mensch über Monate unter höchster Anspannung lebt.»
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Ein heikles Unterfangen ist die Zeichnung des islamistischen Milieus. Gezeigt werden verunsicherte, verführbare Seelen, was eine verstörende Empathie aufkommen lässt. Die Attentäter sind keine Monster, es sind junge Männer, die menschenverachtenden Ideologien aufsitzen und sich so radikalisieren lassen. Erst durch ihre abscheulichen Taten werden sie entmenschlicht.
Diese Zerrissenheit, dieses atmosphärische Unbehagen wird auch musikalisch aufgegriffen: Ein reduzierter Instrumenteneinsatz und scheppernd hochgeblasene Töne erzeugen eine Bedrohlichkeit, die sich wie ein dunkler Schleier über das Geschehen legt.
«Breitscheidplatz 19/12» ist ein akribisch recherchiertes, dichtes Stück Zeitgeschichte mit einer deprimierend skandalösen Quintessenz: Obwohl der dreijährige Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages in 132 Sitzungen über 460 Stunden tagte, sind die meisten Dokumente noch immer unter Verschluss.
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So bleiben schmerzliche Fragen der Verletzten, Angehörigen und der Öffentlichkeit auch zehn Jahre nach «19/12» ohne Antwort.
Breitscheidplatz 19/12
ARD | Politthriller-Miniserie
Mit Albrecht Schuch, Tamer Trasoglu, Hanno Koffler
Folgen 1+2: Sonntag, 1. November 2026, 21.45 Uhr, ARD
Folgen 3–6: Freitag, 6. November 2026, 23.55 Uhr, ARD
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