Die erste Begegnung mit Alison ist unspektakulär. Keine Verfolgungsjagd, keine Schiesserei, kein Mord im Regen. Stattdessen eine junge Frau, die in der Kantine einer Polizeistation arbeitet, wo sie Kaffee und Sandwiches serviert, das Innere von Backöfen schrubbt – und von den meisten Menschen um sie herum kaum wahrgenommen wird. Nach der kürzlichen Trennung von ihrem Freund ist sie gerade dabei, ihr Leben neu zu sortieren.
Alison wohnt in der englischen Stadt Canterbury und ist, genau wie ihre Darstellerin Rose Ayling-Ellis (31), von Geburt an gehörlos. Im Lauf ihres bisherigen Lebens hat sie sich darum die Fähigkeit angeeignet, präzise von den Lippen ihrer Mitmenschen abzulesen.
Detective Ashleigh Francis (Charlotte Ritchie) will dieses Talent nutzen und bittet Alison, als Lippenleserin einzuspringen. Sie soll anhand von Video- und Liveaufnahmen die Gespräche einer Profibande von Diamantendieben entschlüsseln, die sich für die Planung eines Coups ausschliesslich an Orten treffen, wo sie nur schwer abgehört werden können.
Dabei nehmen wir beim Zuschauen Alisons Perspektive ein: Gespräche, die zunächst stumm erscheinen, werden erst durch ihre Übertragung verständlich. Das Publikum sieht Wortfragmente, die Alison zu ganzen Sätzen zusammenfügt, und erlebt gewissermassen live mit, wie aus flüchtigen Lippenbewegungen sprachlicher Inhalt entsteht. Dadurch erhält der Krimiplot eine ungewöhnliche visuelle Dynamik.
Es bleibt nicht bei sporadischen Serviceleistungen. Alison wird immer mehr in eine verdeckte Operation hineingezogen, verbunden mit entsprechend grossen Risiken.
Gerade diese Mischung aus klassischem Ermittlungsplot und persönlicher Entwicklung macht den Reiz der Serie aus. Alison ist keine professionelle Polizistin, sondern eine engagierte Amateurin, die sich in einer Welt bewegt, deren Regeln sie nur teilweise kennt und versteht. Sie macht Fehler, was zu bedrohlichen Situationen führt.
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Neben dem eigentlichen Fall gerät auch Alisons Alltag in den Fokus: ihre finanziellen Sorgen, ihre Beziehung zur ebenfalls gehörlosen Mutter und ihr Wunsch, nicht auf ihr Handicap reduziert zu werden. Auch die Verantwortlichen der Polizei sind keine unfehlbaren Helden. Sie sind übermüdet, reizbar, ecken an und bewegen sich gelegentlich in moralischen Grauzonen. Auf Hollywood-Schönfärberei wird verzichtet. Die Polizeiarbeit wird als langwieriger, oftmals frustrierender Prozess dargestellt.
Formal bleibt die Inszenierung angenehm unaufgeregt. Gedämpfte Farben, lange Einstellungen, wenig musikalische Überwältigung. Die Kamera beobachtet lieber, anstatt zu kommentieren. Dadurch entsteht eine Spannung, die eher dahinschleicht, als sich zu entladen. Eine Art kriminalistisches Kammerspiel, das sich erst allmählich verdichtet. Wenn dann doch ein drastischer Moment eintritt, wirkt er umso stärker.
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Der Kriminalfall selber ist gar nicht besonders ausgeklügelt, sondern dient mehr als Gerüst. Und doch ist «Code of Silence» alles andere als ein Krimi von der Stange. Entscheidend bleiben dabei stets die sprachlichen Äusserungen bzw. Leerstellen: Wer sagt etwas? Wer verschweigt etwas? Und wann wird das Schweigen selbst zu einer Form von Schuld?
Neben der Verbrecherjagd setzt die Serie zugleich ein starkes Zeichen für mehr Sichtbarkeit gehörloser Menschen.
Leider erhielt die Serie im deutschen Sprachraum den unnötigen Zusatz «Tödliches Schweigen». Als ob das Publikum ohne Schlagworte nicht merken würde, dass es sich um einen Krimi handelt. Dass «Code of Silence» gerade von seiner subtilen inneren Ambivalenz lebt, scheint in derartiger Holzhammer-Logik keine Rolle zu spielen. Schade.
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Code of Silence
ARD | Krimiserie | Staffel 1
Mit Rose Ayling-Ellis, Charlotte Ritchie, Andrew Buchan
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