Eine junge Nachrufschreiberin wird zur Serienmörderin. Der Sechsteiler «Obituary» ist ein makabres Serienjuwel, das den Geist von «Dexter» in der irischen Provinz atmet.
Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Diese Serie hat nichts mit der legendären US-Death-Metal-Band zu tun, auch wenn die Morbiditäten durchaus gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Vielmehr handelt es sich bei «Obituary» (zu Deutsch: Todesanzeige) um eine tiefschwarze, irische TV-Produktion. Und diese Herkunft spürt man in jeder einzelnen Faser ihres düsteren, staubtrockenen Humors, der so typisch für die Grüne Insel ist.
Die hier verhandelte Ausgangslage ist dabei brandaktuell: der Journalismus in der Krise und der Sparkurs in der Medienbranche.
Aber schön der Reihe nach: Im fiktiven irischen Küstenort Kilraven geht die 24-jährige Elvira Clancy (Siobhán Cullens) bei der lokalen Dorfzeitung, dem «Kilraven Chronicle», ihrer grössten Leidenschaft nach: Sie schreibt die Nachrufe des Städtchens. Elvira verfügt über ein wahres Talent, ein verflossenes Menschenleben in eleganten, würdevollen Worten zu konservieren.
Doch als die Zeitung in finanzielle Schieflage gerät, wird Elviras ohnehin spärliches festes Gehalt gestrichen und auf ein Honorar von 200 Pfund pro Nachruf umgestellt. Für Elvira ist das ein Desaster, da sie nicht nur ihre eigene Existenz sichern muss, sondern auch die ihres alkoholkranken Vaters Ward (Michael Smiley).
Elvira versucht ihrem Boss noch vorzurechnen, wie wenig sie verdient, wenn in ihrer Kleinstadt im Schnitt nur alle zehn Tage ein Mensch stirbt – und manchmal wochenlang überhaupt niemand. Da meint dieser süffisant, sie solle halt eben anfangen, Leute zu töten, um ihr Einkommen aufzubessern.
Ihr Chef hat keine Ahnung, wie wörtlich Elvira diese saloppe Aufforderung nehmen wird. Wenn das Schicksal und die Demografie nicht aus freien Stücken liefern, muss Elvira eben selbst für frischen Content sorgen. Und so hilft sie nach einem ersten «Unfall» eines todkranken, in der Stadt unbeliebten Bürgers fortan bei Bewohnern kreativ nach, um den perfekt formulierten Nachruf abzuliefern.
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Die Serie balanciert auf dem schmalen Grat zwischen einem psychopathischen Thriller und einer bissigen Mediensatire und erinnert stark an die US-Serie «Dexter». Wie bei ihrem US-Kollegen hören die Zuschauer ständig Elviras Gedanken, was uns zu Komplizen ihrer mörderischen Logik macht.
Die weiteren Parallelen zum berühmten US-Serienkiller sind dabei fast schon ein bisschen zu augenscheinlich ausgefallen: Auch Elvira entwickelt beim Töten eine berauschende Lust – vor allem dann, wenn sie ihren Trieb bei jenen anwendet, von denen sie überzeugt ist, dass sie es verdient haben.
Auch können wir Zuschauer Elvira trotz ihrer grausamen Taten nie wirklich hassen. Sie tötet nicht aus Sadismus oder Bosheit, sondern aus finanziellem Pragmatismus einer fast schon rührenden, perfektionistischen Liebe zu ihrem journalistischen Handwerk. Ihr persönlicher «Dark Passenger» tarnt sich hier als journalistische Integrität.
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Mit ihren grossen, unschuldigen Augen und einem gleichzeitig eiskalten, kalkulierenden Blick beherrscht die zierliche Siobhán Cullens jede Szene. Zudem ist das Kleinstadt-Kolorit voller skurriler, bisweilen herrlich absurder Charaktere, die das typisch irische Dorfleben perfekt karikieren.
Die Tonalität ist konsequent tiefschwarz. Wer über makabre Pointen rund um Tod, Bestattungen und moralischen Zerfall nicht lachen kann, wird sich hier unwohl fühlen. Alle anderen finden dafür ein wahres Juwel der modernen Serienlandschaft vor.
Der TV-Sender One zeigt am Samstagabend alle sechs Folgen der ersten Staffel in einer späten Programmoffensive am Stück. Und eine Woche später wird die komplette zweite Staffel dieser wunderbar bösen Serie nachgereicht.
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