Was mag für Eltern wohl die grössere Hölle sein: der Tod des eigenen Kindes oder die Ungewissheit, wenn dieses plötzlich spurlos verschwunden ist? Wenn ein Kind stirbt, zieht es den Eltern den Boden unter den Füssen weg. Ein schrecklicher, endgültiger Schnitt. Man will sich die Qualen gar nicht auszumalen. Doch so grausam der Verlust auch sein mag, das Schicksal zwingt einen irgendwann dazu, den Trauerprozess aufzunehmen.
Was aber geschieht mit der menschlichen Psyche, wenn das eigene Kind ohne Anhaltspunkt verschwindet? Es gibt keinen Leichnam, keine Erklärung, keinen Abschied. Die entsetzliche Frage, ob das Kind noch lebt bzw. wo es ist und was es gerade durchmacht, verdammt die Eltern zum Hoffen und Bangen.
An dieser Wunde schabt das australische Original «Last Seen». Vor elf Jahren zerbrach die Welt des Polizisten Ian Ridley (Patrick Brammall), als seine dreijährige Tochter Maggie verschwand. Heute sitzt er als Supervisor in der Notrufzentrale am Headset – lethargisch, geschieden, ein funktionierendes Wrack. Der trockene Alkoholiker wird einzig von der grimmigen Sturheit zusammengehalten, nicht akzeptieren zu wollen, dass Maggie für immer fort ist.
Dann nimmt Ian den Notruf eines in Panik geratenen Mädchens entgegen und ist davon überzeugt, die Stimme seiner mittlerweile 14-jährigen Tochter zu erkennen. Es beginnt für ihn ein Besessenheitstrip, ein Kreuzzug des Wahnsinns: Ian muss sein Kind finden – egal, wie hoch der Preis auch ist.
In Szene gesetzt wird diese Rekonstruktion eines seelischen Zerfalls vom deutschen Regisseur Christian Schwochow (47), der schon bei einigen Folgen der gefeierten Historienserie «The Crown» und der ebenfalls sehr beliebten Dramaserie «Bad Banks» mit viel Gefühl bewiesen hat, wie sich menschliche Abgründe hinter glänzenden Fassaden ausleuchten lassen.
Sein handwerkliches Können überträgt er nun auf den australischen Bundesstaat Victoria. Die Kamera fängt die einsamen Landschaften im südöstlichen Down Under nicht als Postkartenidylle ein, sondern als weitläufige Kulisse einer existenziellen Krise.
Werbung
Ästhetisch vereint «Last Seen» dabei das Beste aus zwei Welten: Der gewohnt makellos polierte Apple-Look trifft auf Schwochows feines Gespür und sein Flair für rohe, ungefilterte Emotionen.
Dass die Macher auf einen bei uns weitgehend unbekannten Cast setzen, erweist sich als Glücksgriff. Hauptdarsteller Patrick Brammall spielt diese gebrochene Vaterfigur ohne Schnörkel und Allüren. Die Konfrontation mit Gesichtern, an denen noch kein Promipostillen-Klatsch haftet, verleiht der Szenerie eine beinahe dokumentarische Authentizität.
Doch bedauerlicherweise könnte die Serie genau aus diesem Grund im unendlich scheinenden Veröffentlichungsstrom der Streamingdienste zu jenen Perlen gehören, die nach ihrem Release in die Belanglosigkeit absinken, obwohl sie mehr verdient hätten.
Dramaturgisch gestattet sich «Last Seen» noch eine erfrischende Brechung des Genres: Anstatt den Zuschauer im Whodunit-Stil bis zum Finale im Dunkeln tappen zu lassen, gibt die Thrillerserie dem Publikum schon früh Einblicke in das vermeintliche Schicksal des verschwundenen Mädchens.
An dieser Stelle findest du einen ergänzenden externen Inhalt. Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies von externen Anbietern gesetzt und dadurch personenbezogene Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen.