Er bescherte der Serienwelt so fesselnde Figuren wie Tommy Shelby (Cillian Murphy) von den «Peaky Blinders» aus Birmingham oder den gewaltgetriebenen Boxer Sugar Goodson (Stephen Graham) in «A Thousand Blows». Die Geschichten, die Steven Knight erzählt, basieren meist auf wahren Begebenheiten; und viele seiner Serienhelden haben tatsächlich existiert.
Tele.ch: Sind sich die drei Hauptfiguren von «A Thousand Blows» in Wirklichkeit je begegnet?
Steven Knight: Hezekiah Moscow und Sugar Goodson haben sich mit ziemlicher Sicherheit getroffen. Es war eine kleine Welt der Faustkämpfer in diesem Teil des Londoner East End. Selbst wenn sie nicht gegeneinander gekämpft haben, hätten sie voneinander gewusst.
Wie kamen Sie auf die Idee, genau diese Geschichte zu erzählen?
Hannah Walters, die Frau von Stephen Graham, machte mich auf Hezekiah Moscow aufmerksam. Ein Mann, der von Jamaika nach London kommt, um Löwenbändiger zu werden, dann aber Weltmeister im Schwergewichtsboxen wird. Wer könnte da widerstehen? Ausserdem wollte ich schon seit langem die Geschichte der Forty Elephants erzählen. Und weil sie alle zur selben Zeit in London unterwegs waren, war dies eine grossartige Gelegenheit, diese zwei wahren Geschichten zusammenzubringen und zu sehen, was passiert.
Ihre Serien basieren auf wahren Begebenheiten. Sie haben bestimmt viele Geschichtsbücher gelesen!
Ich benutze lieber keine Geschichtsbücher. Historiker neigen dazu, die Geschichte so darzustellen, als wäre das, was passiert ist, unvermeidlich gewesen, als hätte es keine Möglichkeit für etwas anderes gegeben. Ich denke jedoch, die Realität ist ziemlich chaotisch und voll von Menschen, die seltsame Dinge tun und zu verschiedenen Zeiten des Tages von unterschiedlichen Dingen motiviert werden.
Also keine Geschichtsbücher?
Nein. Ich versuche Gerichtsberichte, Zeitungsausschnitte und wenn möglich Geschichten zu verwenden, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Sie geben einen Einblick in das, was damals wirklich passiert ist und nicht aufgezeichnet wurde. Ich möchte also die Tatsache reflektieren, dass die Vergangenheit der Gegenwart sehr ähnelt, weil die Menschen vom gleichen Schlag sind. Sie sind genauso dumm, kaputt, ehrgeizig, eifersüchtig und all die anderen Dinge wie wir heute. Das ist der Teil, der interessant ist – und nicht der Teil, der in den Geschichtsbüchern steht.
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In der zweiten Staffel von «A Thousand Blows» treten neue Figuren auf, etwa eine Hypnotiseurin. Wie sind Sie darauf gekommen?
Ich suche diese Charaktere nicht, sondern irgendwann, während des Schreibens, tauchen sie auf. Ich will nicht jemanden rational erfinden und ihn dann in die Story einfügen, weil das unter Umständen nicht zu dem passt, was vor sich geht. Aber manchmal, wenn ich schreibe, taucht eine Figur auf, die zuerst vielleicht gar nicht wichtig scheint. Dann sagt oder tut sie etwas Überraschendes, und ich merke, dass sie noch sehr wichtig werden könnte.
Nicht nur «A Thousand Blows», sondern auch «Peaky Blinders» und «House of Guinness» handeln im späten 19. Jahrhundert. Ist das Ihre Lieblingsepoche?
Das ist tatsächlich so. Vor allem aus britischer Sicht betrachtet, war das gewissermassen die Zeit, als London die Hauptstadt der Welt war. Das Empire war so mächtig, und doch waren viele Menschen sehr arm. Es gibt also eine Spannung zwischen diesen beiden Polen. Zudem ist das Ende des 19. Jahrhunderts eine sehr fotogene Zeit. Sie sieht grossartig aus.
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Was macht diese Epoche sonst noch interessant für Sie?
Ich glaube, dass die Menschen zum ersten Mal an die Möglichkeit glaubten, ihr Schicksal verändern zu können. Vorher war man ein Leben lang Bäcker, Schmied oder was auch immer – das war es dann. Oder man war Teil einer bestimmten Gemeinschaft, man war Einwohner eines bestimmten Dorfes, und das war es dann. Das Schicksal bestimmte das Leben des Einzelnen. Doch um die Jahrhundertwende begannen die Menschen, ihre Individualität zu entdecken. Gerade auch viele Frauen begannen sich Gedanken zu machen: Ich bin dieses Individuum, ich bin gar nicht jene, als die ich geboren wurde. Und sie fingen an, Dinge zu ändern.
Gibt es eine weitere Epoche, in der Sie gerne eine Serie oder einen Film ansiedeln würden?
Das Italien der Renaissance! Ich weiss, es gibt bereits Serien und Filme, die jene Zeit beleuchten. Aber ich würde unglaublich gerne die Geschichte von Michelangelo erzählen. Das steht auf meiner Liste. Wer weiss, ob es jemals passieren wird!
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Der Brite Steven Knight (66) ist Drehbuchautor und Regisseur. 1998 erfand er das Quiz «Wer wird Millionär?». Aus seiner Feder stammen z. B. «Peaky Blinders» und «House of Guinness». Zurzeit schreibt er am Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film.Getty Images
Der Brite Steven Knight (66) ist Drehbuchautor und Regisseur. 1998 erfand er das Quiz «Wer wird Millionär?». Aus seiner Feder stammen z. B. «Peaky Blinders» und «House of Guinness». Zurzeit schreibt er am Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film.Getty Images
«A Thousand Blows» (2. Staffel)
London, spätes 19. Jahrhundert: Die Geschehnisse der ersten Staffel sind ein Jahr her, die drei Hauptfiguren sind zerstritten: Der jamaikanische Boxer Hezekiah Moscow (Malachi Kirby) ballt seine Fäuste nur noch bei illegalen Kämpfen im Untergrund. Sein Kontrahent Henry «Sugar» Goodson (Stephen Graham) scheint an seinen Taten zu verzweifeln und säuft sich fast ins Grab. Auch für Mary Carr (Erin Doherty) sah es schon besser aus: Ihre Position als Queen der Forty Elephants ist alles andere als gesichert.
Nun gilt es für alle, sich selbst aus dem Dreck zu ziehen und sich zusammenzuraufen. Mary will zurück an die Spitze der legendären Diebesbande, Hezekiah will Rache nehmen für den Mord an seinem besten Freund, und Sugar tut das Einzige, was er wirklich richtig gut kann: boxen!
Auch die zweite Staffel von Steven Knights Dramaserie glänzt mit tollen Darstellern und ihren starken Figuren, wilder Action und einer imponierend üppigen Ausstattung.
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Simone Reich ist Redaktorin bei TELE und eine erfahrene Stimme in der Welt der TV-Unterhaltung. Seit 1996 ist sie im Journalismus tätig und hat sich auf Serien und TV-Unterhaltung spezialisiert. Ihre Artikel, wie das Interview mit Omar Sy aus 'Lupin' und die Analyse von 'Game of Thrones', zeugen von ihrer tiefen Kenntnis der Branche. Simone absolvierte ihre Medienausbildung am MAZ Luzern. Vor ihrer Zeit bei TELE war sie bei der Aargauerzeitung in der Lokalredaktion, bei Blick als Reporterin für News/Show und Co-Leiterin des Newsdesks sowie als stellvertretende Chefredaktorin bei TV-Star tätig.