HBO Max – «Half Man»

Hassliebe

«Half Man»: Zwei Männer, verbunden durch eine fatale Jugend, sind einander das Beste und Schlechteste zugleich.

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Stiefbrüder: Niall (Jamie Bell, l.) und Ruben (Richard Gadd). HBO Max

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Vor zwei Jahren fesselte und verstörte der Schotte Richard Gadd (36) mit seiner auto­biographischen Netflix-Miniserie «Rentierbaby». Gadd schrieb nicht nur das Drehbuch, sondern spielte sich gleich selbst: einen erfolg­losen Autor und Schauspieler, der von einer Stalkerin bedroht und von einem Comedyautor sexuell missbraucht wird. Trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) der schweren Kost konnte sich das Publikum kaum sattsehen. Es hagelte Lob und zahlreiche Preise – darunter drei Emmys.
Nun legt Gadd nach. Die HBO-Miniserie «Half Man» stammt aus seiner Feder, er ist ausführender Produzent und spielt eine der Hauptrollen. Die sechs Folgen erzählen von einer Männerfreundschaft und davon, wie sie sich über dreissig Jahre entwickelt hat.
Die Geschichte beginnt am Tag von Nialls (Jamie Bell) Hochzeit. Unverhofft taucht Ruben (Richard Gadd) an der Feier auf. Allein schon an Nialls Gesichtsausdruck, als er Ruben erblickt, wird klar, dass diese zwei Männer eine lange, schwierige Geschichte verbindet.
Eine erste Rückblende in die Teenagerzeit der beiden erklärt so einiges: Der schmächtige, schüchterne Niall (Mitchell Robertson) lebt bei seiner Mutter Lori (Neve McIntosh) und deren Partnerin Maura (Marianne McIvor). Da zieht überraschend Mauras Sohn Ruben (Stuart Campbell) bei ihnen ein – ein muskelbepackter Kerl mit einem grossen Ego und einer Menge Wut im Bauch.
Für Niall ist das neue Familien­mitglied Fluch und Segen zugleich: Mit Ruben an seiner Seite wird er in der Schule nicht mehr gehänselt, sondern gefürchtet. Doch Rubens maskuline Art verwirrt ihn auch. Er ist fasziniert und entdeckt mehr und mehr, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Doch davon darf Ruben nichts wissen. Niall befürchtet, dass das homophobe Grossmaul ihn dann in Stücke reissen würde. Denn Rubens Gewaltausbrüche haben in der Vergangenheit schon viel Schaden angerichtet.

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Der Anfang und das Ende jeder der sechs Episoden spielt an Nialls Hochzeit – dazwischen mäandert die Erzählung durch verschiedene Kapitel der Vergangenheit. Bald ergibt sich ein scheinbar klares Bild: Der grobschlächtige Ruben ist der Aggressor, während der schmale, zerbrechliche Niall viel ertragen muss. Doch so einfach ist es dann eben doch nicht.
Denn jedes Puzzleteil aus der Vergangenheit bringt nicht nur mehr Erkenntnis, sondern sorgt auch für Entsetzen. Detaillierteres über die Handlung darf vor der Ausstrahlung nicht verraten werden. Sicher ist: Obwohl sich die beiden Männer nicht ­guttun, kann keiner der beiden ohne den anderen. Es ist eine toxische Symbiose ohne Zukunft – weder als Stiefbrüder noch als Freunde.
Richard Gadd hat es also wieder getan: «Half Man» fesselt, wühlt auf, stösst ab, fasziniert und unterhält. Leichte Kost ist nichts für Gadd. Bemerkenswert ist – wie in «Rentier Baby» – der Cast. Gadd fällt durch enorme Muskelmasse auf, sein Gegenüber Jamie Bell zeigt viel charakterliche Tiefe. Stark sind auch die jungen Versionen von Ruben und Niall: Stuart Campbell und Mitchell Robertson haben grossen Anteil an der Wirkung von «Half Man».

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Half Man ★★★★☆

HBO Max | Miniserie
Mit Jamie Bell, Richard Gadd, Mitchell Robertson, Stuart Campbell
GB 2026, ab 23. April 2026

Der Trailer

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