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Netflix – «Liebes Kind»

«Ein Elternteil ist immer am Set»

Die deutsche Miniserie «Liebes Kind» erzählt von menschlichen Abgründen und Psychoterror – und bietet viel Suspense.

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Naila Schuberth (als Hannah) am Set von «Liebes Kind». Sie kennt das originale Drehbuch nicht.

Naila Schuberth (spielt Hannah) kennt das originale Drehbuch nicht.

Netflix
TELE
Mischa Christen

Ein Mann sperrt seine Frau und seine beiden Kinder ein und tyrannisiert sie über Jahre. Als der Frau die Flucht gelingt, stösst sie die Türe auf zu einer neuen Ära des Leidens. «Liebes Kind» basiert auf Romy Hausmanns gleichnamigem Bestseller. Wie kam es zur Umsetzung? Wie dreht man mit Kindern einen Psychothriller, ohne dass sie Schaden nehmen? Head-Autorin und Regisseurin Isabel Kleefeld erzählt.

Tele.ch:  «Liebes Kind» führt das Publikum immer wieder in die Irre. Die Handlung ist wenig vorhersehbar. Gebühren diese Lorbeeren mehr der Romanautorin oder der Drehbuchautorin?

Isabel Kleefeld: Unbedingt der Romanautorin Romy Hausmann. Ihr Buch ist ein absoluter Pageturner. Dafür haben wir bei der Adaption ins Seriengenre Figuren dazuerfunden, um die Ermittlungsarbeit nachvollziehbarer zu machen. Und wir haben den Showdown verändert, um den geschriebenen Romandialog stärker ins Visuelle zu übertragen.

Die Geschichte bleibt lange nebulös. Wie meistern Sie diese Gratwanderung, das Publikum nicht zu überfordern bzw. nicht hinzuhalten?

Mein Co-Autor Julian Pörksen und ich sind beim Schreiben von unseren Erfahrungen und unserem eigenen Sehverhalten ausgegangen. Wir haben Serien angeschaut und uns gefragt: Warum bin ich jetzt gespannt? Warum finde ich es jetzt etwas fade? Warum bin ich jetzt total berührt? Das Problem beim Schreiben ist, dass man mit der Zeit im Stoff versinkt. Daher braucht es zu einem gewissen Zeitpunkt Abstand und das Feedback von Personen, die als Erste das Drehbuch lesen.

«Liebes Kind» zeichnet tendenziell starke Frauen- und schwache Männerfiguren. War das Absicht?

Nein … Ist das so? Diesen Eindruck wollten wir nicht entstehen lassen. Alle Figuren in der Geschichte – jede Frau, jeder Mann – sind Opfer eines Urverbrechens.

Naila Schuberth, die das gefangengehaltene Mädchen spielt, liefert eine starke Leistung ab. Wie schützt man Kinder, wenn man mit ihnen einen Psychothriller dreht?

Das wurde alles im Vorfeld konzeptionell besprochen. Die Kinder haben Wochen vorher alle Beteiligten kennengelernt, und es wurde lange vor Drehbeginn geprobt. Bei den eigentlichen Dreharbeiten befand sich die phantastische Kindercoachin immer am Set. Sie hat mit den Kindern jede Szene vor dem Dreh besprochen und war auch ihre direkte Ansprechperson. Zudem war durchgehend eine medienpädagogische Fachkraft anwesend, die darauf geachtet hat, dass das Umfeld kindergerecht ist und die vorgeschriebenen Drehzeiten eingehalten werden. Und natürlich befand sich immer ein Elternteil mit am Set.

Wie sehen denn die Drehzeiten für Kinder aus?

Die sind in diesem Alter auf drei Stunden Drehen und insgesamt fünf Stunden Anwesenheit am Set pro Tag beschränkt. Deshalb wurde der gesamte Drehplan nach den Kindern ausgerichtet.

Wie wurde der Schulbesuch geregelt?

Wir haben die Szenen mit den Kindern möglichst nachmittags gedreht, damit ihre Tagesstruktur nicht durcheinandergerät. Die Schulstunden, die dann doch mal nicht besucht werden konnten, wurden aufgearbeitet. Zudem fand ein Grossteil der Dreharbeiten in den Schulferien statt. Aber auch da nahm der Drehplan – so gut es ging – Rücksicht, sodass sie nicht ihre gesamte Ferienzeit opfern mussten.

Werden im Drehbuch heikle Szenen für die Kinder eingeschwärzt?

Nein, die Kinder kennen das originale Drehbuch nicht. Ich habe für sie ein Kinderdrehbuch geschrieben und dieses von der Kindercoachin und der medienpädagogischen Fachkraft gegenchecken lassen, ehe die Kinder es erhielten.

Aber fiel den Kindern beim Drehen nicht auf, dass gewisse Szenen nicht so gedreht wurden, wie sie in ihrem Drehbuch stehen?

Nein, heikle Szenen drehten wir zunächst in Richtung der Kinder ab, so wie es im Kinderdrehbuch stand. Erst nachdem die Kinder das Set verlassen hatten, haben wir die noch offenen Einstellungen gedreht.

Die Kids wussten aber schon, dass sie ein anderes Drehbuch hatten?

Natürlich. Wir haben ihnen erklärt, dass es innerhalb der Serie Bereiche für Erwachsene und Bereiche für Kinder gibt. So wie im wahren Leben auch.

Können Sie ein Beispiel einer Szene nennen, die umgeschrieben wurde?

Der Mann, der seine Familie einsperrt, ist ein Psychopath, ein totaler Kontrollfreak. Wenn er den Raum betritt, müssen sich zum Beispiel alle in einer Reihe aufstellen und ihm ihre Hände zeigen. Im Kinderbuch ist er einfach ein wahnsinnig ängstlicher Vater, der sich viel zu übertrieben um seine Familie sorgt und darüber hinaus einen ausgeprägten Hygienefimmel hat (lacht).

Die deutsche Head-Autorin und Regisseurin Isabel Kleefeld (57).

Die deutsche Head-Autorin und Regisseurin Isabel Kleefeld (57).

Alexander Fischerkoesen
Liebes Kind ★★★★☆

Netflix | Psychothrillerserie | 1. Staffel

Mit Kim Riedle, Julika Jenkins, Naila Schuberth

D 2023, ab 7. September 2023

Wenn der Vater den Raum betritt, müssen alle ihre Hände vorweisen.

Wenn der Vater den Raum betritt, müssen alle ihre Hände vorweisen.

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Zum Inhalt von «Liebes Kind»

Lena (Kim Riedle) lebt mit ihren Kindern Hannah (Naila Schuberth) und Jonathan (Sammy Schrein) komplett isoliert in einem rundum gesicherten Haus. Zu genau vorgeschriebenen Zeiten nehmen sie ihre Mahlzeiten ein, gehen auf die Toilette und ins Bett. Sie tun alles, was der Vater sagt. Betritt er den Raum, stellen sich Lena und ihre Kinder in einer Reihe auf und zeigen ihre Hände vor. Die Nägel müssen sauber sein, und man darf nichts in der Hand verstecken. Eines Tages gelingt Lena mit Hannah die Flucht, doch Lena wird dabei von einem Auto angefahren, schwer verletzt und in Begleitung von Hannah ins Krankenhaus eingeliefert. Das wahre Ausmass dieses Albtraums deutet sich noch in derselben Nacht mit dem Eintreffen von Lenas Eltern an, die seit fast 13 Jahren verzweifelt nach ihrer Tochter suchen.

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Von Mischa Christen am 31. August 2023 - 17:30 Uhr