Der allererste, grandios gefilmte Kameraschwenk von «Tip Toe» offenbart das erschütternde Ende dieses fünfteiligen Thrillers: Leo (Alan Cumming) baumelt leblos an einer Strassenlaterne, er wurde mit einem Kabel erhängt. Jede Folge spult nun einige Tage zurück und zeigt auf, wie es zu dieser abscheulichen Tat kommen konnte.
Seit über 14 Jahren leben die Nachbarn Leo und Clive (David Morrissey) Tür an Tür in einem ruhigen Wohnviertel in Manchester. Der schwule Leo ist ein Lebemann, führt die Bar «Spit & Polish» an der Canal Street, der Ausgehmeile der LGBTQ-Szene. Clive ist das pure Gegenteil: Der arbeitslose Handwerker lebt im ständigen Streit mit seiner Frau. Zusammen haben sie zwei Söhne: den 25-jährigen Saul (Joseph Evans) und den 16-jährigen George (Jackson Connor).
Weil Leo sich eines Tages in Unterhosen aus seinem eigenen Haus aussperrt und bei Clive anklopft, schlägt der ihm vor, einen Zweitschlüssel anzufertigen und ihn Clive zu geben.
Fortan kreuzen sich die Wege der Männer öfter. Etwa weil der junge George Leo anvertraut, dass er schwul sei und mit niemandem darüber reden könne. Oder weil Leo online Videos von Saul entdeckt, der sich vor laufender Kamera gegen Geld der Zuschauenden sexuell befriedigt – natürlich ohne das Wissen seiner Eltern.
Mit jedem Gespräch und jedem Streit zwischen Leo und Clive verhärten sich die Fronten. Leos Schwulsein und sein Lebensstil sind für den konservativen Familienvater pure Provokation. Jeder geschminkte Mann, jede Regenbogenfahne bringen den frustrierten Clive in Rage.
Er hingegen schöpft sein Wissen und sein Weltbild aus dem Internet, geilt sich auf Youtube an mitgefilmten Gewalttaten auf.
Serienschöpfer Russell T. Davies («Queer as Folk», «Doctor Who») bohrt seinen Finger in eine Wunde, die derzeit immer weiter aufklafft: Im Alltag unserer Gesellschaft wachsen Vorurteile gegen Andersdenkende rapide.
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In einem Interview mit «HuffPost» sagte der 63-jährige Autor: «Es geschahen Dinge – sowohl beruflich als auch privat –, die mich dazu brachten, zu sagen: ‹Jetzt reicht’s!›.» Zwar befinde er sich in einer privilegierten, glücklichen und wohlhabenden Lage, so Davies, der sein Coming-out in der Studienzeit hatte. «Aber wenn dieser Zorn, diese Gewalt und diese Lügen Menschen treffen, denen es nicht so gut geht, muss das wirklich schlimm sein.»
Das Thema behandelt Davies mit authentischen Figuren und seinem typischen feinsinnigen Witz. Nicht selten hält man nach einem Dialog inne, um das Gesagte zu verdauen und es nachwirken zu lassen. Etwa als Drag-Dame Melba (stark: Paul Rhys ) erklärt, dass sie aus Angst vor Anfeindungen und Gewalt nur noch vorsichtig auf Zehenspitzen – eben Tip Toes – durch die Canal Street stöckle: «Sie hassen uns. Sie haben uns immer gehasst. Nur müssen sie sich jetzt nicht mehr verstellen.»
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Ganz am Ende wird im Abspann das weitere Schicksal der Figuren erwähnt, ganz so, als wäre die Story so passiert. Zwar wurde in Grossbritannien nie jemand bei einem homophoben Angriff an einer Strassenlaterne gelyncht. Doch es gab zahlreiche Hassverbrechen gegen trans und schwule Menschen.
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