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Everstream – Serienperlen zum Neu- oder Wiederentdecken

«Chernobyl» – Der Tod aus der Wolke

Mit gebündelten Kräften schufen HBO und Sky die Miniserie «Chernobyl» und damit ein beklemmendes Meisterwerk.

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Bange Blicke auf die tödliche Atomwolke nach der Explosion in Reaktor 4: «Chernobyl» auf Sky Show

Bange Blicke auf die tödliche Atomwolke nach der Explosion in Reaktor 4.

Sky UK Ltd/HBO
TELE
Mischa Christen

«Wir haben es hier mit etwas zu tun, das auf diesem Planeten noch nie vorgekommen ist.» Der russische Nuklear-Experte Waleri Legassow (Jared Harris) und der hochrangige Politiker Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) stehen auf einem Dach und blicken besorgt zur todbringenden Rauchsäule, die über dem Kernkraftwerk Tschernobyl emporsteigt. 

Legassow setzt seine Ausführungen fort: «Jedes Atom U-235 ist wie ein Geschoss, das sich nahezu mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt und alles auf seinem Weg durchdringt: Holz, Metall, Beton, Fleisch. Jedes Gramm von U-235 enthält weit mehr als eine Trilliarde dieser Geschosse. In Tschernobyl hat’s über drei Millionen Gramm davon, und gerade steht es in Flammen. Die meisten dieser Geschosse werden über 100 Jahre hinweg weiterfeuern.» Deutlicher hätte Legassow die hochbrisante Situation nicht schildern können.

Ein simpler Reaktortest mit fatalen Folgen

Nach der Explosion von Reaktor Nr. 4 in der Nacht auf den 26. April 1986 wurde radioaktives Material bis nach Skandinavien und Westeuropa getragen. Ein simpler Reaktortest – man hatte einen totalen Stromausfalls simuliert – führte wegen Konstruktionsfehlern und einer Aneinanderreihung von fatalen Entscheiden zu einer Tragödie, die bis heute gesundheitliche und ökologische Auswirkungen hat.

4000? Gar 60'000? Oder noch viel mehr? Wie viele Menschenleben der Super-GAU gefordert hat, lässt sich kaum beziffern. Und nur wenige wissen, dass wohl Legassows Fachwissen und der heroische Einsatz dreier todesmutiger Arbeiter eine thermische Explosion verhinderten, die die Nordukraine und weite Teile Weissrusslands für mindestens 100 Jahre unbewohnbar gemacht hätte.

Vertuschung und Verleugnung

Die sowjetische Regierung verpasste Legassow einen Maulkorb, sodass er lange schwieg: Erst 1988 enthüllte er auf Tonband, welche grosse Rolle Vertuschung und Verleugnung gespielt hatten. Anschliessend nahm er sich das Leben. 

Filme und Dokumentationen zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl gibt es zuhauf. Aber kaum eine Produktion vermittelt die Verzweiflung und die alles durchdringende Angst so ungefiltert und düster wie dieser Fünfteiler. Er gibt die beklemmende Stimmung in der Sowjetunion zur Zeit des Kalten Krieges eindrücklich wieder. Was hingegen irritiert: das very British English von Gorbatschow und Genossen.

Denunziert und weggesperrt

So akribisch die Fakten für dieses Meisterwerk recherchiert wurden, über die Figur an Legassows Seite, Ulana Khomyuk (Emily Watson), findet man nichts in den Geschichtsbüchern. Sie ist fiktiv und steht stellvertretend für die vielen Wissenschaftler, die Legassow unterstützten. Viele von ihnen widersprachen der offiziellen Darstellung der Ereignisse und wurden in der Folge denunziert und weggesperrt.

Die offiziell vermeldete Anzahl Tschernobyl-Toter ist in der Sowjetunion übrigens seit 1987 unverändert geblieben: 31.

Ab dem 1. Juni 2023 widmet sich Netflix der zweitgrössten nuklearen Katastrophe in der Geschichte der Menschheit: «The Days» beleuchtet das Desaster von Fukushima im Jahr 2011 über einen Zeitraum von sieben Tagen, indem die Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven aufgerollt werden.

Chernobyl ★★★★★

Sky Show | Miniserie | GB/USA 2019

Mit Jared Harris, Stellan Skarsgård, Emily Watson, David Dencik u. a.

Schockierend realistisch! Die «Golden Globe»-prämierte Serie löste einen Touristensturm auf Tschernobyl aus.

Von Mischa Christen am 16. Mai 2023 - 09:00 Uhr