Remakes sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits zieht der berühmte Name des Originals die Aufmerksamkeit eines neugierigen Publikums auf sich. Anderseits liegt genau darin die Bürde: Jede Neuauflage wird gnadenlos am Vorgänger gemessen.
Jetzt nehmen die Serienschöpfer von Apple TV den Psychothriller «Kap der Angst» ins Visier und treten ein hochkarätiges Erbe an. Anlass für uns, die beiden filmischen Meilensteine zu begutachten.
1962 kam es zur ersten filmischen Adaption von John D. MacDonalds Roman «The Executioners» (1957), unter dem deutschen Titel «Ein Köder für die Bestie». Der geradlinig inszenierte Schwarz-Weiss-Thriller besticht durch erzählerische Klarheit: Die Zeugenaussagen eines moralisch integren Anwalts (Gregory Peck) bringen den Gewaltverbrecher Max Cady in den Knast, der nach verbüsster mehrjähriger Strafe auf Rachefeldzug geht. Robert Mitchum spielte diesen Schurken mit stoischer Ruhe – und wirkt aus heutiger Sicht und im Vergleich zu dem, was folgen sollte, fast harmlos.
Denn fast drei Jahrzehnte später nahm sich Martin Scorsese des Stoffes an. Im Zentrum seines filmischen Hurrikans stand die Urgewalt Robert De Niro. Mochte Mitchum noch Furcht eingeflösst haben, so wirkte De Niros Interpretation geradezu traumatisierend. Sein Cady war das tätowierte, hochintelligente, psychopathische Böse.
Zudem entzog Scorsese dem Anwalt Bowden (Nick Nolte) das moralische Fundament: Dieser hatte Beweise unterschlagen, die den Angeklagten hätten entlasten können. Dadurch wurde Cady zur fleischgewordenen Nemesis für Bowdens eigenen Rechtsbruch.
Apple TV gibt nun der Komplexität in einer zehnteiligen Miniserie den nötigen Raum zum Atmen. Hinter den Kulissen zogen (erneut) Martin Scorsese (83) und Steven Spielberg (79) als Produzenten die Fäden. Das Ehepaar Bowden (Patrick Wilson und Amy Adams) besteht hier aus zwei Anwälten, die auf entgegengesetzten Seiten im Fall Cady standen (sie als Verteidigerin, er als Staatsanwalt), ehe sie heirateten. Nun wird Cady nach siebzehn Jahren Haft entlassen. Und Anna fürchtet Cadys Rache.
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In die Fussstapfen von De Niro tritt der spanische Oscar-Preisträger Javier Bardem. Spätestens seit «No Country for Old Men» (2008) gilt er als ultimative Besetzung für das unberechenbare Böse, was er auch in «Skyfall» (2012) als Gegenspieler von James Bond zeigte.
Der wahre Sprengstoff liegt jedoch in der emotionalen Dynamik. In einer radikalen Abwandlung der Vorlagen setzt sich Anna Bowden nach Cadys Entlassung vor Gericht zuerst noch für ihn ein. Zwischen der Anwältin und dem charismatischen Psychopathen entsteht sogar eine perfide, intime Nähe.
Zudem fokussiert sich hier der Inbegriff des Bösen nicht mehr allein auf Cady: Die Serie erweitert das Sündenregister und lässt noch andere zwielichtige Gestalten die Bühne betreten.
Doch so handwerklich exzellent sich die neue Apple-Serie präsentiert, punkto nervenaufreibender Spannung kann sie dem filmischen Meisterwerk von 1991 nicht das Wasser reichen – zumindest nicht in den ersten vier Folgen.
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Ob die zweite Hälfte das Ruder noch herumreissen und die gnadenlose Raserei auf die Spitze treiben kann, bleibt abzuwarten.
Was jedoch alle drei Versionen über die Jahrzehnte hinweg genial vereint und sofort für Gänsehaut sorgt, ist die markerschütternd bedrohliche Titelmusik, die das nahende Unheil ankündigt.
Zum Schluss noch ein Fun Fact: Im Film von 1991 bekamen die zwei Hauptdarsteller Gregory Peck und Robert Mitchum aus dem Original von 1962 eine kleine Nebenrolle. Auch die Serie hält für Cineasten eine nette Überraschung bereit: Eine Besetzung aus dem Remake von 1991 feiert eine mysteriöse Rückkehr. Wer das ist, wird natürlich nicht verraten.
Bald wird’s ungemütlich für das Ehepaar Bowden (Patrick Wilson, Amy Adams).Apple TV+
Bald wird’s ungemütlich für das Ehepaar Bowden (Patrick Wilson, Amy Adams).Apple TV+
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