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Serienperlen zum Neu- oder Wiederentdecken

Angst ist der Schlüssel

Dramatik, Nervenkitzel, Hochspannung: die US-Actionserie «24» lehrt Fingernägeln das Gruseln.

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24

Jack Bauer, gespielt von Kiefer Sutherland.

ZVG
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Gion Stecher

Ein 24-Stunden-Marathon stetiger Bedrohung, eine Amokfahrt jäher Wendungen, ein Höllentrip in die Abgründe der Seele. Kurz: Ein Tag, den man nicht mal seinem ärgsten Feind wünscht.

«24» war Ende 2001 die Antwort des TV auf eine Welt im Banne des globalen Terrors. Die Serie spielt mit einem Motiv, dem man sich kaum entziehen kann: der Angst.

Jack Bauer heisst der fiktive Held, gespielt von Kiefer Sutherland. 24 Stunden lang hetzt er durch 24 Folgen à 45 Minuten. Immer wieder wird die Zeit eingeblendet, der Bildschirm splittet sich auf und zeigt die anderen Brennpunkte. «Man wird von der Story und dem Tempo förmlich aufgesogen, die Dramaturgie erzeuge Zeitdruck ohne Ausweg, ohne Atempause», erklärte Sutherland den Reiz von «24». Drastischer drückte es damals die Schriftstellerin Elfriede Jelinek aus: «‹24› ist wie permanentes Vögeln, ohne je zum Orgasmus zu kommen.»

Alle 8 Staffeln waren Quotenrenner in den USA, zudem heimste «24» speziell bei Staffel 1 und 2 Emmys im Akkord ein. Erstaunlich für eine Serie, die null Romantik kennt, die auf Witz oder Ironie verzichtet und deren Hauptfigur Bauer ein düster dreinblickender Einzeltäter ist, zerrissen von Selbstvorwürfen.

Ihm liegt die Souplesse eines James Bond fern, der noch die heikelste Situation mit Augenzwinkern meistert und einen flotten Spruch nachschiebt. Bauer hingegen ist ein Gehetzter, ein heimatloser Rächer. Sutherland: «Bei Jack wird die konstante Charaktereigenschaft immer die sein, sich nicht vergeben zu können – als Ehemann und als Vater.»

Bauer jagt zwar die übelsten Schurken der Welt, doch im Grunde will er nur eines: eine Familie haben, die in Sicherheit lebt. Um dies zu erreichen, bricht er notfalls das Gesetz. Bauer ist ein Mann fürs Grobe: Der Zweck heiligt für ihn alle Mittel. Aber damit wird er für das System untragbar und beziehungsunfähig.

«24» stammt aus dem Hause Fox, das zum erzkonservativem TV-Imperium von Rupert Murdoch gehört. Nicht zuletzt deshalb klebte an «24» der Vorwurf, Propagandamaterial für die damalige Bush-Regierung zu liefern. Tenor: In Zeiten des Terrors sind Bürgerrechte zweitrangig, Priorität hat der Schnüffelstaat.

Doch «24» repräsentiert nicht, sie reflektiert höchstens. Mit ihren technischen Hilfsmitteln leuchten die Mitarbeiter des Geheimdiensts CTU zwar jedes Detail des gläsernen Bürgers aus. Zugleich herrscht Hilflosigkeit: Selbst die ausgefeiltesten Computerprogramme können nie menschliche Vernunft ersetzen.

Die CTU-Crew denkt nicht politisch. Um ans Ziel zu kommen, ist ihnen auch die Hilfe eines regierungskritischen Computerhackers recht. Man merkt: Die Not kennt kein Rechts oder Links. Zudem fehlt für Politik die Zeit. 

Sutherland konnte sich mit Jack Bauers Charakter gut identifizieren: «Die Konflikte innerhalb der Familie, sein nicht immer ideales Verhältnis zu Frau und Tochter, das zählte für mich, als ich die Rolle annahm.»

Sutherland weiss, wovon er spricht. Er hatte zu jener Zeit zwei gescheiterte Ehen hinter sich, sein grösster Fehler sei gewesen, dass er sich früher zu wenig um Tochter Sarah gekümmert habe. Ein später Glückspilz war er gleichwohl: Dank «24» schaffte er im neuen Jahrtausend das TV-Comeback.

24 ★★★★☆

Disney+; Actionserie, 8 Staffeln, USA 2001–2010
Mit Kiefer Sutherland.

Beste Staffeln: 1, 2, 3 & 5.
Brutalste Staffel: 4.
Schlechteste Staffel: 6.
Passable Staffeln 7, 8.

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Von Gion Stecher am 1. August 2023 - 17:00 Uhr