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Die Showrunner im Interview

1899 – «Wir arbeiten gerne mit dieser Abwärtsspirale»

Die Macher von «Dark» schlagen wieder zu. In ihrer neuen Netflix-Mysteryserie schicken sie europäische Auswanderer aus aller Herren Länder auf einem Dampfer im Jahr 1899 Richtung New York. Ob sie da je ankommen? Denn als ihnen plötzlich ein Geisterschiff auf dem Meer entgegentreibt, nimmt ihre Reise eine schauderhafte Wendung. Die Showrunner sind Drehbuchautorin Jantje Friese und Regisseur Baran bo Odar. Das Filmemacher-Paar zieht wieder sämtliche Register, die Zuschauer durch ein zappendusteres Labyrinth aus Rätseln, Spannung und Überraschungen zu peitschen. Trotz den erheblichen Einschränkungen, mit denen es anfangs konfrontiert wurde.

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1899

Welche dunklen Geheimnisse birgt das Geisterschiff? Mit «1899» treiben die «Dark»-Macher das Publikum wieder durch ein düsteres Rätsellabyrinth.

Netflix
TELE
Mischa Christen

«1899» spielt mitten im Nordatlantik auf zwei Schiffen. Wo habt ihr das gedreht?

Jantje Friese: Ursprünglich wollten wir ganz traditionell drehen – in Deutschland, Malta, Schottland. Aber dann kam die Pandemie, und wir mussten in einem Studio drehen und auf die sogenannte Volume-Technologie ausweichen. Erst hielten wir sehr wenig davon. Aber dann haben wir die Sci-Fi-Serie «The Mandalorian» gesehen, die auch mit Volume produziert wurde, und haben verstanden, welches Potenzial in dieser Technologie steckt.

Und was ist das für eine Technologie?

Baran bo Odar: Wir haben es hier mit einer Art Rückprojektion zu tun: Eine virtuelle Kulisse, bei der mehrere LED-Wände kreisförmig um das Set herum angeordnet werden, erzeugt eine digitale Umgebung. Vor dieser wird gedreht. Mit diesem Verfahren haben wir eigentlich fast die ganze Serie gedreht.

Das klingt wohl einfacher als es ist.

Friese: Absolut. Diese Technologie ist hochkomplex. Wir benötigten über ein Jahr Vorbereitungszeit und haben ganz viel getüftelt und waren oft frustriert. Aber wenn man’s endlich geschafft hat und das Resultat bestaunen darf, ist das umso zufriedenstellender.

Über inhaltliche Details darf nur wenig ausgeplaudert werden. Man darf aber verraten, dass die Cliffhanger nach der zweiten und dritten Folge ganz schön heftig sind. Geht das so weiter?

Odar: Ab da geht’s erst richtig los.
Friese: Genau. Es wird noch intensiver. Wir arbeiten gerne mit dieser Abwärtsspirale.

Fast jede Person auf dem Schiff spricht eine andere Sprache. Wird es eine komplett synchronisierte Fassung der Serie geben?

Friese: Ja, die Serie wird in einigen Sprachen durchgehend synchronisiert angeboten. Auch in deutsch.
Odar: Aber die Originalversion bleibt bei der Grundidee der Serie, die von dieser Sprachenvielfalt lebt.

Aber dann musstet ihr ganze Dialoge umschreiben! Oft drehen sich die Gespräche der Akteure ja genau darum, dass sie sich nicht verstehen.

Friese: Ja, allerdings. Aber interessanterweise funktionierte das alles viel einfacher, als wir befürchtet hatten.

Ihr wart zu Beginn also nicht wirklich begeistert von der Idee der Synchronfassungen?

Friese: Nein, am Anfang fanden wir das eine ganz komische Idee. Als wir uns aber die erste gedubbte Version von deutsch und englisch angehört haben, waren wir begeistert. Das funktioniert tatsächlich ganz gut.
Odar: Ausserdem hat der Zuschauer die Wahl zwischen der synchronisierten und der Originalversion. Wir empfehlen ganz klar letztere. Man kann ja bei Bedarf die Untertitel aktivieren.

Ihr wollt doch einfach nicht, dass eure Zuschauer nebenbei auf ihren Handys rumdrücken, oder?

Odar: Das sollten sie weder in der originalen noch in der synchronisierten Fassung tun. (Lacht)

Das war schon bei «Dark» so. Die Plots eurer Geschichten sind komplex. Habt ihr nicht Angst, das Publikum zu überfordern?

Friese: Wir wandern da stets auf einem sehr schmalen Grat. Wann ist es zu viel und wann zu wenig? Wir unterscheiden drei Zuschauerkategorien: Wer gerne puzzelt und sich auf die Rätselreise begeben will, dem geben wir, was er will. Dann gibt’s das breitere Publikum, das kurzzeitig überfordert ist und deshalb in gewissen Takten Antworten verlangt. Und schliesslich haben wir noch jene, die etwas mehr Informationen benötigen. Der Mann meiner besten Freundin zum Beispiel drückte bei «Dark» nach jeder Szene die Pausentaste und wollte von ihr Erklärungen dazu (lacht). Unser Anspruch ist es, unsere Geschichten so aufzubauen, dass alle Zuschauer auf ihre Kosten kommen. Wer hingegen mit dem ganzen Rätselkram gar nichts am Hut hat, den können wir nicht bedienen, was aber auch okay ist.
Odar: Ich würde es auf jeden Fall vorziehen, die Zuschauer zu überfordern. Wenn man sie unterfordert, dann langweilen sie sich und schalten irgendwann ab. Ich erwische mich ja selber dabei, dass ich bei den langweiligen Sachen nebenher was auf dem Handy mache.

Wie viele Leute haben an den Drehbüchern mitgeschrieben?

Friese: Zu Beginn arbeiteten wir mit sieben Autoren, mit denen wir die Figuren aufgestellt und in den richtigen kulturellen Kontext gesetzt haben. Danach habe ich dann aber komplett übernommen. Bei Mysteryserien kommt man irgendwann an den Punkt, wo man zwischen den Folgen hin- und herspringen muss, um Informationen zu streuen. Da stösst man mit mehreren Autoren schnell an die Grenzen.

Viele Serien basieren auf Bestsellern. «1899» habt ihr von Grund auf selber erfunden.

Odar: Ja, wir sind nicht gut darin, Geschichten zu adaptieren. Wir brauchen unseren Freiraum und setzen lieber originelle Eigenideen um.
Friese: Uns macht es Spass, Welten aus dem Nichts aufzubauen. Uns an bestehendem Material entlanghangeln zu müssen, ist nicht unser Ding.

Wie akribisch habt ihr euch über das ausgehende 19. Jahrhundert informiert? Über die politische Weltlage? Was es schon gab und was nicht?

Friese: Wir haben grundsätzlich die Angewohnheit, zu viel zu recherchieren. Aber das ist gut so. Wir müssen sattelfest sein im Umfeld, in dem wir uns bewegen.
Odar: Wir leisten diese Arbeit ja nicht alleine. Unser ganzes Team ist mittlerweile sehr gefuchst, mit Puzzleteilen zu hantieren und dabei die Authentizität zu bewahren. Zum Glück konnten wir auch auf jede Menge Bildmaterial von in New York ankommenden Migranten zurückgreifen.

Netflix schaltet am 17. November die ganze erste Staffel von «1899» auf. Wie steht ihr zu Binge Watching?

Odar: Es kommt auf die Geschichte an. Manche Sachen kann man gut in einem Stück durchschauen, bei anderen tut’s gut, wenn man sich zwischen den Folgen etwas Zeit lässt. «1899» hätte man auch mit wöchentlichen Folgen rausbringen können. Aber Jantje ist da etwas anderer Meinung.
Friese: Ja. Ich bin dafür, dass man «1899» in einem Stück veröffentlicht. Hätte man die Serie als wöchentlicher Release programmiert, hätte ich als Autorin sie ganz anders konzipiert und aufgebaut.

Zurück zu den Cliffhangern. Am Schluss der Staffel gibt es bestimmt einen richtig fiesen Cliffhanger, der eine zweite Season unbedingt erfordert?

Beide: Oh, ja!

Jantje Friese und Baran bo Odar

Das Showrunner-Paar Jantje Friese und Baran bo Odar setzen lieber ihre originellen Eigenideen um, als bereits geschriebene Geschichten zu adaptieren.

Thomas Schenk/Netflix
Review zu «1899»

Ein Schiff mit Auswanderern verlässt im Jahr 1899 die europäische Westküste Richtung New York. Die Passagiere sind unterschiedlichster Herkunft und blicken voller Hoffnung auf das neue Jahrhundert. Sie alle träumen von einer besseren Zukunft in der Fremde. Als sie jedoch auf dem offenen Meer ein zweites Schiff entdecken, welches seit Monaten als vermisst gilt, nimmt ihre Reise eine unerwartete Wendung. Was sie an Bord vorfinden, verwandelt ihre Überfahrt ins gelobte Land in ein albtraumhaftes Rätsel. Ein Netz von Geheimnissen scheint die Vergangenheit jedes einzelnen Passagiers miteinander zu verbinden.

Die kreativen Köpfe hinter «Dark» verpassen dem Mystery-Spektakel «1899» ihre unverkennbare Handschrift: Der ausgeklügelte und wendungsreiche Plot auf hoher See fordert zum Mitpuzzeln auf und wird von einer wuchtigen und düsteren Visualität und haarsträubenden Cliffhangern unterstützt. Auch bei der Besetzung haben die Verantwortlichen wieder ganze Arbeit abgeliefert: Der vom Schicksal gebeutelte Kapitän des Schiffes etwa wird von Andreas Pietschmann verkörpert, der bei «Dark» den mittelalten Jonas gab.

Zum Interview mit Hauptdarsteller Andreas Pietschmann (Schiffskapitän Eyk Larsen) geht es hier lang.

Die Volume Technology

Volume Technology

Bei der Volume Technology handelt es sich um eine virtuelle Kulisse, bei der mehrere LED-Wände kreisförmig um das Set herum angeordnet werden. Dies erzeugt dann eine digitale Umgebung, vor der gedreht wird.

Netflix
1899 ★★★★☆

Netflix | Mysteryserie | 1. Staffel

Mit Andreas Pietschmann, Emily Beecham, Anton Lesser, Mathilde Ollivier

D 2022, ab 17. November 2022

TELE
Mischa ChristenMehr erfahren
Von Mischa Christen am 27. Oktober 2022 - 13:59 Uhr