Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage», so lautet das bekannteste Zitat aus «Hamlet» von William Shakespeare (1564–1616). Jeder Theaterschauspieler fühlt sich geadelt, wenn er diese Worte auf der Bühne deklamieren kann. Das Stück um den dänischen Prinzen Hamlet, der seinen ermordeten Vater rächen will und damit alle in den Untergang reisst, gilt als Shakespeares Hauptwerk.
Aus welchen persönlichen Abgründen heraus «Hamlet» entstanden sein könnte – das ist die Geschichte von «Hamnet». Könnte? Ja, weil vieles erfunden ist. Über Shakespeares Leben gibt es nur wenige historisch gesicherte Daten. Ob real oder nicht, spielt aber nicht so eine Rolle, wenn die emotionale Wahrheit stimmt.
Es beginnt im ländlichen Stratford-upon-Avon, wo der junge Dichter Shakespeare (Paul Mescal) Latein unterrichtet. William hat ein Auge auf Agnes (Jessie Buckley) geworfen, eine einzel-gängerische Frau, die am liebsten im Wald herumstreift. Nach hartnäckigem Werben heiraten die beiden und bekommen eine Tochter, bald folgen die Zwillinge Judith und Hamnet (Jacobi Jupe). William ist aber nur selten daheim, die meiste Zeit verbringt er in London, wo er als Dramatiker und Schauspieler grosse Erfolge feiert. Als die Pest in England wütet, stecken sich auch die Zwillinge an.
Sofort reist William nach Hause, doch er kommt zu spät: Der elfjährige Hamnet ist bereits tot. Seine Frau Agnes wirft ihm vor, seine Arbeit über die Familie gestellt zu haben. Niedergeschlagen schreibt er sein nächstes Stück und nennt es im Gedenken an seinen Sohn «Hamlet». Die Uraufführung, zu der auch Agnes anreist, findet im Globe Theatre statt.
«Hamnet» basiert auf dem Buch der Nordirin Maggie O’Farrell, einer fiktiven Interpretation von Shakespeares Leben, und beginnt wie ein gestelztes Kostümdrama. Schmachtend wirbt Shakespeare um seine mystisch angehauchte Geliebte. Das passt nur schlecht zum unaufgeregten Regie-Stil der chinesischen Oscargewinnerin Chloé Zhao (43, «Nomadland»). Der aufgesetzte Anfang geht allerdings mit dem Tod von Hamnet in ein herzzerreissendes Drama über. Und hier trifft Zhao die richtigen Töne.
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Der Verlust eines Kindes, für Eltern etwas vom Schrecklichsten, kann Zhao in tief empfundene Bilder fassen – auch dank dem wohldosierten Spiel von Jessie Buckley als Agnes. Doch die Trauer von Shakespeare und seiner Frau wird noch auf eine andere Ebene gehoben: ins transzendent Poetische.
Besonders die letzten Szenen gehören zum Bewegendsten, was in letzter Zeit auf der Leinwand zu sehen war. Ein Theaterstück wird dabei zum Trostspender, zur Katharsis der Trauer, und dies stellvertretend für alle, die es sehen. Auch wenn vieles in «Hamnet» spekulativ ist (woran Hamnet 1596 starb, ist nicht klar), die universelle Wahrheit geht unter die Haut.
Wie aus Schmerz wahre Schönheit und aus Unsäglichem tröstende Worte entstehen – das ist eine wunderbare Ode an die heilende Kraft künstlerischen Ausdrucks. Chloé Zhaos Film gilt jedenfalls als einer der grossen Favoriten bei den Oscars.
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