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Kino – «Holy Spider»

In heiligem Zorn

«Holy Spider»: Eine Journalistin jagt einen Serienkiller – in einer iranischen Pilgerstadt.

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«Holy Spider»: Eine Journalistin jagt einen  Serienkiller – in einer iranischen Pilgerstadt.

«Holy Spider»: Eine Journalistin jagt einen Serienkiller – in einer iranischen Pilgerstadt.

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Antonio Gattoni

Filme haben manchmal etwas Prophetisches. «Holy Spider» des dänisch-iranischen Regisseurs Ali Abbasi ist ein solcher Film. Er hat die anhaltenden Proteste im Iran gegen das Mullah-Regime gewissermassen vorausgeahnt, indem er die Unterdrückung der Frauen durch das System auf extreme Art darstellt – im Gewand eines hochspannenden Serienkiller-Thrillerdramas.

«Holy Spider» beruht auf einem wahren Fall aus dem Jahr 2001. In der iranischen Pilgerstadt Maschhad verbreitet ein Frauenmörder Angst und Schrecken. Er bringt vor allem Frauen um, die sich wegen ihrer Drogensucht prostituieren und nachts allein unterwegs sind. Der Killer beruft sich auf den Dschihad und will die Stadt von Unmoral säubern. Das bringt ihm teilweise sogar Sympathien ein. Die Polizei tut nur das Nötigste.

Nach dem achten Mord kommt die Journalistin Rahimi (Zar Amir-Ebrahimi) in die Stadt und versucht auf eigene Faust zu ermitteln. Sie findet heraus, dass der Täter die Frauen stets am selben Ort per Moped aufgabelt. So will sie ihn anlocken, gerät aber selbst in Gefahr.

«Holy Spider» hat all die Ingredienzen eines Thrillers. Wir wissen zwar schon früh, wer der Killer ist, sehen ihn mit seiner Familie. Die bedrohliche Art, wie er sich an die Opfer heranmacht und die bevorstehende Begegnung mit der Journalistin sind aber schweisstreibend.

Der in Teheran geborene und in Kopenhagen lebende Ali Abbasi (41, «Border») inszeniert mit visueller Wucht und brutal realistisch. Wenn der Killer seine Opfer per Moped «entsorgt» und die Lichter der Stadt im Hintergrund funkeln wie die Fänge einer Spinne, ist das von hypnotischer Unheimlichkeit. Was den in Jordanien gedrehten Film von jedem anderen Serienkillerfilm abhebt, ist seine sozialpolitische Brisanz.

In vielen Szenen ist das patriarchale System präsent, etwa wenn die Journalistin ständig ermahnt wird, ihr Haar mit dem Kopftuch ganz zu bedecken, oder ein Polizist sie bedrängt. Zar Amir-Ebrahimi (41) spielt die Rolle enorm charismatisch. Sie musste aus dem Iran fliehen, weil ihr 2006 wegen eines geleakten Sextapes 99 Peitschenhiebe drohten. Der Killer wird am Ende vom Regime gedeckt, doch der Film nimmt noch eine zynische Wende, die für Verstörung sorgt. Kurz: «Holy Spider» ist ein Meisterwerk, das politisch hochaktuell ist und lange haftenbleibt.T

Holy Spider

Thrilerdrama

Mit Mehdi Bajestani, Zar Amir-Ebrahimi

DK/F 2022, ab 12. Januar 2023

Von Antonio Gattoni am 11. Januar 2023 - 20:00 Uhr