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Kino – «All of us Strangers»

Hinaus in die Welt

«All of Us Strangers»: Ein Mann trifft seine verstorbenen Eltern wieder und findet Trost.

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Adam (Andrew Scott) wird von guten Geistern der Vergan­genheit heimgesucht.

Adam (Andrew Scott) wird von guten Geistern der Vergangenheit heimgesucht.

Searchlight Pictures.©2023 20th Century Studios
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Antonio Gattoni

Wer möchte nicht gerne mal in die Vergangenheit zurückreisen und etwa seine Eltern besuchen, als er selber noch ein Kind war. Und ihnen als Erwachsener die Dinge sagen, die er nie gesagt hat. Oder einfach nur zuhören, als er nicht zuhören wollte. Verzeihen, als er noch verzeihen konnte. Es ist eine einfache Zeitreise-Idee, die «All of Us Strangers» durchspielt, aber mit immenser emotionaler Wucht. Und ohne Brimborium wie etwa in «Zurück in die Zukunft» (1985), wo Marty (Michael J. Fox) noch seine Eltern verkuppeln muss, da er sonst nicht gezeugt werden kann.

Der Zeitreisende ist hier Adam (Andrew Scott), der in einem Hochhaus in London wohnt. Der Drehbuchautor fühlt sich im anonymen Block einsam, steckt in einer Lebenskrise. Zufällig trifft er im Haus den betrunkenen Harry (Paul Mescal), mit dem Adam bald eine intensive Affäre beginnt. Gleichzeitig passiert etwas Seltsames: Adam befindet sich wieder im Haus seiner Kindheit, trifft seine Eltern, die vor 30 Jahren mit dem Auto tödlich verunglückten, als er noch nicht mal zwölf war. Sie sind noch genauso alt wie damals, während er erwachsen ist. Und so erzählt Adam seiner Mutter, dass er schwul ist, was er damals nicht zu sagen wagte.

Die Eltern reagieren gelassen. Sein Vater bedauert sogar, dass er nie ins Kinderzimmer kam, um ihn zu trösten, wo er doch spürte, wie sein Sohn unter den Hänseleien der Schulkollegen litt. Adam ist irritiert. Aufgewühlt. Träumt er das nur, oder sind es Phantasien, die ihn beim Schreiben überkommen?

Andrew Haigh («45 Years») lässt seine einsame Hauptfigur in eine sanft-hypnotische Zwischenwelt abtauchen, in der sich die Grenzen zwischen Realität, Phantasie und Möglichkeiten verwischen. Das lässt eine entwaffnende Ehrlichkeit zu: Endlich wird bisher Unausgesprochenes preisgegeben, was eine geradezu therapeutische Wirkung hat. Wie das möglich ist, spielt im Film des 50-jährigen Engländers Haigh weniger eine Rolle – nur, was es bei Adam auslöst.

Es geht dabei um Trauer, die nie einen Weg nach aussen finden konnte, um ein Comingout, vor dem sich Adam fürchtete, um das wehmütige Gefühl von Vergänglichkeit und um Trost. Zur Nostalgie trägt auch der 80er-Sound bei, den Adam hört: von Frankie Goes to Hollywood über Erasure bis hin zu Pet Shop Boys.

Der Ire Andrew Scott, bekannt geworden als Bösewicht Moriarty in der BBC-Serie «Sherlock», spielt Adam mit schläfriger Melancholie, und Paul Mescal hat als sein Liebhaber eine starke Präsenz.

All das macht «All of Us Strangers» zu einem kleinen Meisterwerk. Zu einem faszinierenden Drama, das mit seiner sanften Intimität bewegt wie selten ein Film in letzter Zeit.

All of us Strangers

Drama

Darsteller: Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy

GB 2023, ab 8. Februar 2024 im Kino

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Von Antonio Gattoni am 7. Februar 2024 - 09:39 Uhr