Kino – «Father Mother Sister Brother»

Besuch zu Hause

«Father Mother Sister Brother»: Jim Jarmusch sinniert über die Bedeutung von Familie.

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Mutter (Rampling, r.) lädt ihre zwei Töchter (Krieps & Blanchett) zum Tee. filmcoopi

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Familie gehört heute zum wenigen, das man nicht nach Belieben auswählen kann. Eltern und Geschwister sind von Geburt an da – ob man es gut mit ihnen hat oder nicht. So geht man an Weihnachten auf Besuch, sitzt zusammen auf dem Sofa, auch wenn das Gespräch nicht so richtig in Fahrt kommt. Und wenn die Kinder erwachsen sind, sorgen sie sich um die Gesundheit der Eltern und plagen sich mit Schuld­gefühlen, da man sie nicht öfter trifft.
Jim Jarmusch, der 72-jährige Lakoniker aus New York, hat diese widersprüchlichen Gefühle und Unbeholfen­heiten in einem Episodenfilm gebündelt. Die drei Episoden spielen im ländlichen New Jersey, in Dublin und in Paris.
Da sind zuerst die Geschwister Emily (Mayim Bialik) und Jeff (Adam Driver), die im Auto zu ihrem Dad (Tom Waits) fahren. Der macht einen verwahrlosten Eindruck und kann ihnen nur Wasser zum Trinken anbieten. Das Gespräch stockt. Emily und Jeff wissen nicht recht, was sie sagen sollen, schwanken zwischen Mitleid, Distanz und Sorge. Bis sie eine Rolex am Handgelenk ihres Vaters entdecken.
Im zweiten Teil empfängt eine Mutter (Charlotte Rampling) ihre zwei erwachsenen Töchter in ihrem Haus in Dublin zu Tee und Gebäck, wie jedes Jahr. Elegant spielt sie die Gastgeberin für ihre so unterschiedlichen Töchter. Lilith (Vicky Krieps) ist die freche, trendige mit pinkem Haar, Tim (Cate Blanchett) die steife mit strenger Brille. Auch hier wird Höfliches ausgetauscht, aber wenig Persönliches.
Zuletzt die Episode in Paris mit den Zwillingen Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat). Nachdem ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz zu Tode kommen, besuchen sie ihr leergeräumtes Apartment, gehen alte Fotos durch und fahren zum Lagerraum, wo die Habseligkeiten aufbewahrt sind. Ist das alles, was bleibt?
Jim Jarmusch («Stranger than Paradise») ist kein Neuling im Episodenfilm, hat er doch schon den Taxifilm «Night on Earth» (1991) und den Memphisfilm «Mystery Train» (1989) gedreht. In typisch minimalistischer Manier bietet er kaum laute Worte oder Konfrontation. Da wird oft peinlich berührt geschwiegen, belanglos parliert. Und doch ist es ein Film, der hinterfragt, was uns mit den Eltern verbindet. Was wissen wir über sie, was übernehmen wir von ihnen?

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Subtil verwebt Jarmusch die Episoden untereinander mit ominösen Dingen und Ritualen: einer Rolex oder dem Anstossen mit Wasser. Am Ende ist es eine besinn­liche Meditation über die Bedeutung von Familie und Vergänglichkeit

Father Mother Sister Brother

Episodenfilm
Mit Adam Driver, Tom Waits, Cate Blanchett, Vicky Krieps
USA 2025, ab 8. Januar 2026 im Kino

Der Trailer

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Über die Autoren
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Antonio Gattoni
Antonio Gattoni ist Filmredaktor bei Tele und bereits seit 1993 im Journalismus tätig. Er schreibt mit Leidenschaft über alles, was mit Film zu tun hat, Kritiken, Porträts, Interviews, Hintergrundberichte etc. Zu seinen Abschlüssen zählt ein Studium in Psychologie an der Universität in Zürich mit einer Lizentiatsarbeit über Traum und Film und eine journalistische Weiterbildung an der Volkshochschule. Vor dem Tele war er bei der Filmzeitschrift Zoom und bei der NZZ als Filmkritiker tätig.

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