Kino – «La Grazia»

Die Einsamkeit des Regierens

Paolo Sorrentino inspiziert in «La Grazia» die Gemütslage des italienischen Präsidenten. Eine stilsichere Nabelschau.

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Italiens Staatspräsident Mariano (Toni Servillo) wird beraten von seiner Tochter. Pathé Films

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«Sehe ich auch so alt aus wie er?», fragt der italienische Präsident seinen Leibwächter. Die beiden stehen am Eingang eines römischen Palastes und sehen zu, wie der portugiesische Präsident müde aus der Limousine steigt. Der Staatsempfang ist steif, ein emotionsloses Abspulen des Protokolls. Da beginnt es heftig zu regnen, ein Sturm kommt auf. Als der Gast den roten Teppich abschreitet, wirbelt ein Windstoss den Teppich auf, der Portugiese stürzt. Durchnässt rappelt er sich wieder auf.
Diese vorwiegend in Zeitlupe gedrehte surreale Szene in «La Grazia» steht symbolisch für den Film. Es geht um leere Rituale politischer Macht, um Staatschefs, die nicht gefeit sind vor Fehltritten und Ängsten wie dem Altwerden. Im Zentrum steht der italienische Präsident Mariano (Toni Servillo), der kurz vor Ende seiner Amtszeit wehmütig Bilanz zieht. Der ehemalige Richter wird geschätzt für seine Rechtschaffenheit. Er selbst findet sich langweilig. Umso mehr staunt Mariano, als er von seinem Spitznamen «Betonkopf» erfährt. Privat plagen ihn seit dem Tod seiner Frau Gefühle der Trauer und Schwermut – und er fragt sich immer noch, mit wem ihn seine Frau vor Jahren betrogen hat.
Marianos engste Beraterin ist seine Tochter (Anna Ferzetti). Mit ihrer Hilfe möchte er ein paar letzte Entscheide treffen. Zuerst ist da ein Gesetz über die Legalisierung der Sterbehilfe, an dem der Papst keine Freude hat. Daneben muss er über zwei Gnadengesuche befinden. Der Präsident tut sich schwer damit, hat das Gefühl, er habe vor lauter Arbeit vergessen zu leben und sehnt sich nach Leichtigkeit.
«La Grazia» ist ein unglaublich eleganter und stilvoller Film. Der Neapolitaner Paolo Sorrentino (55) hat ihn in noblen römischen Gemächern gedreht, wo jedes Detail Historie zu atmen scheint. Im Gegensatz zu seinem letzten Film «Parthenope», der trotz Bildpracht leer und seelenlos wirkte, ist sein neuster Film eine stimmige Meditation über das Altwerden, über die Einsamkeit des Regierens, zumindest wenn man den Job nicht zur eigenen Bereicherung ausübt.

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Das ist auch das Verdienst von Toni Servillo (67), dessen Gesicht in einem Zug melancholisch, ernst und ironisch sein kann. Mit «La Grazia» kehrt Regisseur Paolo Sorrentino zur Finesse seiner Meisterwerke zurück: «Il Divo» (2008), eine Satire über Ministerpräsident Giulio Andreotti, oder «La Grande Bellezza» (2013), ein Abgesang auf die Dolce Vita der römischen Oberschicht.

La Grazia

Drama
Mit Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque
I 2025, ab 19. März 2026 im Kino

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