Kino – «Nürnberg»

Charme des Bösen

Im Film «Nürnberg» steht Nazi Hermann Göring wegen Kriegsverbrechen vor Gericht. Ein historischer Prozess.

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Reichsmarschall Hermann Göring (Russell Crowe) wartet in Nürnberg auf das Urteil. Ascot Elite

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Er habe wenigstens gut gegessen und das Leben genossen, sagte Hermann Göring (1893-1946) rückblickend auf die Nazizeit. Diese Äusserung ist zynisch und erschreckend lapidar zugleich, wenn man bedenkt, dass der Reichsmarschall die Nummer zwei hinter Adolf Hitler war und mitverantwortlich für Millionen Kriegstote und sechs Millionen ermordete Juden. Als sich Göring im Mai 1945 ergab und in US-Gefangenschaft kam, hatte der genusssüchtige NS-Mann 17 Lkws mit Gepäck bei sich. Der ehemalige Luftwaffenchef war später der ranghöchste Nazi, der im November 1945 beim Nürnberger Prozess angeklagt war. Hitler, Goebbels und Himmler hatten sich vor dem Zugriff suizidiert.
Der Film «Nürnberg» gibt nun Einblick in den Prozess, der vor dem Internationalen Militärgerichtshof gegen 24 NS-Haupttäter wegen Kriegsverbrechen angestrengt wurde. Als Ankläger traten die vier Alliierten-Mächte England, USA, Russland und Frankreich auf. Im Zentrum des Films stehen Hermann Göring (Russell Crowe) und der US-Militärpsychiater Douglas Kelley (Rami Malek). Kelley hat die Aufgabe, die geistige Verfassung der Angeklagten zu untersuchen.
Sein besonderes Interesse weckt dabei der charmante, scharfsinnige Göring. In langen Gesprächen versucht er dessen Vertrauen zu gewinnen und schmuggelt gar Briefe von Görings Frau in die Zelle.
Immer wieder betont Göring, er habe nichts gewusst von den Konzentrationslagern. Spätestens als Kelley im Prozess die schrecklichen Dokaufnahmen mit den Leichenbergen sieht, wird ihm bewusst, dass er manipuliert wurde. Doch Göring entzieht sich der Verurteilung und Hinrichtung durch die Einnahme einer Zyankali-Kapsel.
Als Vorlage zum Film diente das Buch «Der Nazi und der Psychiater» (2013) des Journalisten Jack El-Hai über das Verhältnis von Göring und Kelley. Der Militärpsychiater verdaute diese Begegnung offenbar schlecht, denn er starb 1958 durch Suizid, ebenfalls mit Zyankali.
Drehbuchautor und Regisseur James Vanderbilt («Zodiac») baut dieses Psychoduell sorgfältig auf, entlarvt die charmante Heimtücke des eitlen und hitlertreuen Göring, der jede Schuld von sich weist.

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Es ist die scheinbar harmlose Fassade des Bösen, die schon «The Zone of Interest» (2023) über den Auschwitz-Chef Rudolf Höss aufdeckte. Gladiator-Star Russell Crowe (62) spielt Göring glaubwürdig mit selbstgefälligem Charme. Freddie Mercury-Darsteller Rami Malek wirkt dagegen mit seinen rollenden Augen und seinem Overacting als Psychiater fehlbesetzt.
Dass im Krieg nicht alles erlaubt ist, ist auch heute noch ein hochaktuelles Thema. Der Nürnberger Prozess war ein wichtiger historischer Testlauf, was die Aufdeckung von Kriegsverbrechen betrifft.

Nürnberg

Drama
Mit Russell Crowe, Rami Malek, Michael Shannon
USA 2025, ab 7. Mai 2026 im Kino

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